Worum geht es bei Sozialwissenschaften?

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Hi Nina,

Kannst du mir erklären, worum es im Groben bei den Sozialwissenschaften (dt.-frz.) geht? Wieso hast du dich damals für dieses Studium entschieden? Ich möchte gerne etwas studieren, wo die französische Sprache wichtig ist. Politik finde ich interessant (aber mehr leider auch nicht). Was macht man dann im späteren Berufsleben ?
Ich freue mich über deine Antwort.

1 Antwort

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Nina

Antwort von Nina 11.06.2014 21:29

Hallo Sonja, gerne beantworte ich deine Fragen :
FRAGE 1 : Worum es im Groben bei den Sozialwissenschaften (dt.-frz.) geht?
Im Allgemeinen handelt es sich bei Sozialwissenschaften um Soziologie und Politikwissenschaften, also die (wissenschaftliche) Erforschung von sozialen Gruppen und vom politischen System. Die Spezifizität des deutsch-franzsischen Studiengangs (hier genannt FIFA für filière intégrée franco-allemande) sei durch folgenden Text beschrieben :
Die Fifa – ein Studiengang zwischen zwei Welten
Der Fifa-Studiengang bedeutet 2 Länder, 2 Universitäten und viele Reisen zwischen beiden Seiten. Das schönste an der Fifa ist die deutsch-französische Gruppe die sie ausmacht, denn der Studiengang besteht immer zur Hälfte aus ‚Deutschen‘ und zur Hälfte aus ‚Franzosen‘, die die nächsten Jahre gemeinsam verbringen werden um im Wechsel in Bordeaux und Stuttgart zu studieren.
Der Studiengang beginnt in Bordeaux, am Institut d’Etudes Politiques besser als „Sciences Po Bordeaux“ bekannt. Das erste Jahr ist geprägt von eine großen Fächervielfalt: Politik, Wirtschaft, Geographie, Geschichte und auch so typisch französische Fächer wie ‚Allgemeinbildung‘ stehen alle auf dem Stundenplan. Und da sind wir auch schon im Herzen des Studiengangs angekommen, denn es geht darum, dass die Studierenden ein sehr umfassendes Verständnis für unsere Gesellschaft bekommen, nicht dass sie Spezialisten einer bestimmten Fachrichtung werden. Das Arbeitspensum im ersten Jahr am IEP ist sehr hoch und es bedarf, vor allem für die Deutschen die ein ganz anderes System gewohnt sind, viel Disziplin um die große Menge an Referaten, Essays, Buchrezensionen, usw. zu bewältigen die über das Jahr hinweg geleistet werden müssen. Aber am Ende des Jahres ist man ein Meister der schnellen Auffassungsaufgabe und der gelungenen Präsentationen.
Nach einer langen Sommerpause fängt das zweite Studienjahr in Stuttgart an. Für die Studierenden gilt es, sich nun komplett umzustellen, denn an der Universität Stuttgart liegt der Schwerpunkt auf den Sozialwissenschaften, also der Politikwissenschaft und der Soziologie. Die Ausbildung an der Universität Stuttgart ist wissenschaftlich, das bedeutet, dass den Studierenden all die Dinge beigebracht werden, die es benötigt, um wissenschaftlich Arbeiten zu können: In den Seminaren und Vorlesungen lernen die Studierenden Theorien und Forschungsbeiträge der Sozialwissenschaften kennen, aber sie lernen auch wie sie selber eigene Forschungsprojekte durchführen können. Während das IEP vielen Deutschen ein wenig verschult vorkommt, staunen die meisten Franzosen über die große Selbstständigkeit, die an der Universität Stuttgart gefragt ist: die Studierenden müssen in der Lage sein, selbstständig ihr Studium zu organisieren.
Nun geht es zurück nach Bordeaux, wo die Studierenden anfangen können, sich zu spezialisieren. Zur Auswahl stehen eine große Bandbreite an Vertiefungsmöglichkeiten aus den Bereichen Recht und öffentliche Verwaltung, Internationale Beziehungen und Politikwissenschaften. All diese Vertiefungen verfolgen das Ziel die Studierenden für eine Laufbahn im Öffentlichen Dienst, der freien Wirtschaft oder dem Stiftungs- und NGO-Wesen auszubilden. Am Ende dieses Jahres wird an der Universität Stuttgart eine Bachelorarbeit geschrieben: die Studierenden bearbeiten einige Wochen lang ein selbst gewähltes Thema nach allen Regeln der Wissenschaft.
Jetzt fängt für die Studierende der Master an, eine weitere Möglichkeit sich entweder in Politikwissenschaften oder Soziologie zu spezialisieren. In diesem Studienjahr werden die Studierenden im Rahmen eines Seminars ein eigenes Forschungsprojekt durchführen können und den wissenschaftlichen Alltag so hautnah erleben. Sie lernen dabei eigene Forschungsideen zu entwickeln und auch umzusetzen und vor allem an langfristigen Projekten zu arbeiten.
Im letzten Studienjahr können die Studierenden sich aussuchen ob sie noch zwei Semester in Stuttgart studieren möchte, oder die letzten beiden Semester in Bordeaux studieren wollen. Diejenigen die in Stuttgart bleiben machen einen forschungsorientierten Abschluss, und werden am Ende eine Masterarbeit schreiben um so zu beweisen, dass sie in der Lage sind eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit durchzuführen. Viele Studierende nutzen das letzte Studienjahr in Stuttgart, um ein Austauschsemester zu machen und studieren ein Semester im Ausland, zum Beispiel in Istanbul oder Mexiko City. Die Studierenden die noch einmal zurück nach Bordeaux gegangen sind, haben sich für einen praxisorientierten Abschluss entschieden und haben nach einem weiteren Vertiefungssemester die Gelegenheit ein langes Praktikum zu absolvieren und sind so bestens für den Berufseinstieg gewappnet.
Dieses hin und her ist manchmal unheimlich anstrengend, aber eben auch sehr bereichernd. Nach 5 Jahren Fifa haben die Studierenden allerhand erlebt. Vor allem haben sie gelernt sich auf andere Denk- und Arbeitsweisen einzulassen, sich schnell an neue Situationen anzupassen und interkulturelle Hürden zu überwinden.
Hat dir das schon weitergeholfen? Wenn nicht hake bitte nach, ich weiß nicht genau was dich interessiert, und kann an dieser Stelle nicht auf jedes Detail eingehen.
FRAGE 2 : Wieso hast du dich damals für dieses Studium entschieden?
Dies ist natürlich eine sehr individuelle Frage, aber ich schildere dir gern meine Erfahrung : Ich bin als Französin in Deutschland aufgewachsen, mir wurde das deutsch-französische also quasi in die Wiege gelegt. Nach einem Auslandsjahr als Au-Pair hatte ich einen gewaltigen ‘Theoriehunger’, ich wollte viel lernen und verstehen ‘wie die Welt funktioniert’ (habe ich damals immer gesagt ?) deshalb habe ich mich für Sozialwissenschaften entschieden. Reizvoll erschien mir die Kombination aus Politikwissenschaften und Soziologie, die mir erlaubte mich noch nicht ganz festzulegen.
FRAGE 3 : Ich möchte gerne etwas studieren, wo die französische Sprache wichtig ist. Politik finde ich interessant (aber mehr leider auch nicht).
Wie du aus dem Obigen Text entnehmen konntest ist das Studienfach sehr vielfältig, aber es ist auch deutlich mehr als nu rein Französisch –Studium. Ein Grundinteresse für Gesellschaft und Politik sollte schon da sein. Ob das bei dir der Fall ist, kannst nur du selbst wissen, aber wenn es nicht der Fall sein sollte scheint das STudium nicht das richtige zu sein, aber das scheint ja auch logisch: hast du Lust dich die nächsten 5 (!) Jahre mit einem Thema zu beschäftigen, das dich nicht so richtig interessiert « nur » um 2 Jahre in Frankreich verbringen zu können ? Dabei muss man auch sagen dass das Interesse an Politik nicht bei allen Studierenden gleich groß ist, für manche stellt es einen wichtigen Teil des Lebensinhalts dar (und sie wollen Politikwissenschaftler werden bzw. verbringen ihre Freizeit als politischer Aktivist), andere interessieren sich zwar dafür, aber ohne darin ihren Lebensmittelpunkt zu sehen. Kennst du schon den Studiengang « Deutsch-Französische Studien: Grenzüberschreitende Kommunikation und Kooperation » in Saarbrücken (D) und Metz (F)? Vielleicht könnte dich das interessieren ? (http://www.romanistik.uni-saarland.de/de/ik/studium/deutsch-franzoesische-studien/dfsbachelor.html)
FRAGE 4 : Was macht man dann im späteren Berufsleben ?
Es gibt , wie in den meisten Geistes- und Sozialwissenschaften kein einheitliches Berufsbild, einige arbeiten für politische Institutionen (UNO, EU, Parlament, Bundeskanzleramt), in der Wissenschaft (Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie WZB, SWP und GIGA), Entwicklungszusammenarbeit (GIZ ; Welthungerhilfe, Brot für die Welt), Stiftungen und Gewerkschaften (Robert-Bosch Stiftung, Verdi), kulturelle Institutionen (Arte, Institut für Auslandsbeziehungen, Centre Georges Pompidou) oder die freie Wirtschaft.
Falls du noch mehr Fragen hast, kannst du mir immer gerne schreiben,
Viel Glück bei deiner Entscheidung und viele Grüße,
Nina

Neu ergänzt am 11.06.2014 um 21:29 Uhr