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Profil von Kerstin

Hi Susanne,

Ich schreibe im Moment mein Abitur und ich interessiere mich für Germanistik oder Literaturwissenschaften.

Meine Frage ist, wie man sich das so vorstellen kann. Ist das wie im Deutschunterricht oder nicht vergleichbar?

1 Antwort

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Susanne

Antwort von Susanne 02.06.2015 10:04

Liebe Kerstin,

beides ist nicht wie in der Schule, Germanistik aber noch eher. In der Schule wird die Stunde vom Lehrer geleitet und er versucht die Schüler auf ein bestimmtes Lernziel für die Stunde hinzuführen. Das Lernziel wird einem da vorgegeben. Das gibt es in Seminaren in der Uni (generell) nicht (nur in Vorlesungen), hier sind deutlich stärker Eigeninitiative gefragt, viel eigene Motivation, eigene Ideen und Argumentationsfähigkeit. In Vorlesungen hört man sich passiv Vorträge der Dozenten zu einem Thema an; das ist dazu da, um einen inhaltlichen Überblick und Grundlagen schon aufbereitet und leichter "konsumierbar" präsentiert zu bekommen (z. B. über eine bestimmte Epoche, über Theorien, über Genres...). Du schreibst selbst mit (es gibt in der Regel in diesen Fächern keine Skripte), geprüft wird man am Ende mit einer Klausur oder Essays, die man einreichen muss. Da kannst du mit bis zu 300 anderen Menschen im Saal sitzen und bist anonym.
Seminare bestehen aus maximal 35 Leuten, in der Regel musst du einmal (zumindest in den Literaturwissenschaften) eine ganze Sitzung (90 Min.) "moderieren", d. h. du bereitest einen Text so vor, dass du die Leute im Seminar zu einer Diskussion bringst, diese anleitest und dafür sorgst, dass es am Ende der Stunde Diskussionsergebnisse und Erkenntnisse über den Text gibt und die wichtigsten Themen dazu angesprochen wurden. Die Dozenten greifen dir unter die Arme, aber im Grunde übernimmst du da ihren Job. Das ist meist viel Aufwand, macht aber viel Spaß und die Sitzungen gestalten sich so relativ frei. Das "feeling" dabei ist wirklich gar nicht schulisch, außer man setzt sich mit Schul-Erwartungen rein, also passiv, und erwartet, dass man jetzt Dinge vorgelegt bekommt ohne selbst aktiv zu werden. In den Seminaren sind eigentlich alle hierarchisch auf einer Ebene, alle müssen dazu beitragen.
In Germanistik hat man meistens eher nur ein Referat, bei dem man selbst alles erarbeitet und dann auch direkt vorträgt, also ohne, dass der Kurs da was beisteuern muss. Germanistik ist aufgrund seiner einzelnen Fächer verschulter, es gibt sehr viel mehr Klausuren als in Literaturwissenschaft und man wird eher in der Studierendenmasse "abgefertigt". In Germanistik hat man z. B. Lautlehre oder Linguistik, das ist schon mehr wie Schulunterricht und die Leute, die in diesen Kursen sitzen, sind auch genauso motiviert (nämlich wenig). Die Literaturwissenschaft ist eine Teildisziplin der Germanistik und in der Regel von Leuten besucht, denen es einfach Spaß macht und die sich gerne damit auseinandersetzen. Generell lernt man an der Uni erst richtig zu argumentieren, und man ist offen für alle Arten einen Text auszulegen, solange es im Gesamten schlüssig ist und an Textstellen nachvollziehbar. Man lernt auch, dass man nicht wild "interpretieren" kann. Das ist in der Schule ja auch nicht so.
Das Lesepensum ist an der Uni auch deutlich höher, ich hatte im 1. Semester 8 Kurse und für jeden pro Woche Minimum 20 Seiten zu lesen (DinA4), bis zu einem ganzen Buch.
Wenn man Spaß am Lesen hat, analytisch denken, seine Gedanken deutlich formulieren kann und argumentieren kann, ist es auf jeden Fall ein super Studium. Literaturwissenschaften sind freier gestaltet, in Germanistik bekommt man mehr aufs Auge gedrückt und vorgegeben wie in der Schule. Generell ist aber beides nicht wie Schulunterricht, das merkt man schnell. Mit diesem Anspruch sollte man es nicht studieren.

Neu ergänzt am 02.06.2015 um 10:04 Uhr