Lohnt sich ein VWL-Studium?

Profil von Carina

Hi Carina,

Ich interessiere mich sehr für Volkswirtschaften und würde auch gerne einiges in unserem kaputten System übernehmen, jedoch habe ich in einem Artikel in der Zeit gelesen, dass viele VWL-Studenten frustriert sind, da das Studium völlig von ihren Vorstellungen abweicht und überhaupt nicht auf die neue Form von Wirtschaft im Zeitalter des Internets eingegangen wird. Desweitern wurde hierbei erwähnt, dass der Frust so groß ist, das Studenten sich teilweise zu Gruppen formieren und eigene Seminare halten in denen öfters auch Gastredner auftreten, welche in der Wirtschaft tätig sind. Ich weiß nicht ob du schonmal von Andreas Popp gehört hast und ich trau ihm nicht bei allem was er sagt, aber im Kern liegt er richtig, das er, so wie auch viele andere Wirtschaftsexperten wir Dirk Müller oder gar Kabarettisten wie Volker Pispers, einen bevorstehenden Systemzusammenbruch ankündigt woraufhin es zu einer totalen Neuordnung kommt. Ich habe daraufhin Andreas Popp eine Mail geschrieben welche Form des Wirtschaftsstudiums denn am ehesten an der Wahrheit liegt und er hat mir auch sofort geantwortet und meinte ich solle lieber ein Handwerk studieren.
Mein Ehrgeiz ist jedoch ziemlich groß und ich will unbedingt die Systeme der modernen Wirtschaft verstehen um etwas an ihr (vorallem dem Kapitalismus und die Demokratie die wir heute haben --> ich bin kein Fundamentalist aber ich glaube es gibt noch bessere Regierungsformen als die Demokratie) ändern zu können.

Kurz: Wie empfindest du dein VWL Studium und glaubst du, dass ich mit dem Wissen, dass mir dort beigebracht wird, meine Ideen verwirklichen kann?

1 Antwort

Profil von Carina
Carina

Antwort von Carina 11.06.2014 21:29

Hi Carina!

also, ich studiere an der HU berlin. unsere wiwi-fakultät ist stolz darauf (und ich zitiere) "sehr mathematisch orientiert zu sein". das merkt man in der veranstaltungen sehr.

vwl ist nur mein zweitfach und ich kenne die modulordnung für vwl als hauptfach nicht genau, aber im zweitfach besteht das grundstudium aus einem einführungsmodul (inkl. wirtschaftsgeschichte), mathe, wahlweise statistik, mikro- und makroökonomie.

wie du siehst, sind das wenige wirklich inhaltliche fächer.

die einführungsveranstaltung habe ich als sehr interessant empfunden. der inhalt ist sehr an praktischen beispielen orientiert und man erhält einen guten überblick über alles, wovon man mal gehört haben sollte. auch wirtschaftsgeschichte war sehr interessant, jedoch nicht unbedingt das, was man sich unter dem namen tatsächlich vorstellt (also keine wirtschaftstheorien wie keynes, smith,...).

In mikro und makro lernst du das "handwerkszeug", also das verhalten der einzelnen wirtschaftssubjekte, ihre interaktionen,... dafür braucht man erstmal viel mathe und ich persönlich würde mir wünschen, dass die veranstaltungen praktischer orientiert wären.

wenn du mit diesen modulen durch bist, kommst du in den freien wahlbereich. dort ist praktisch nichts mehr vorgeschrieben.
wie du vielleicht bemerkt hast, fehlen einige entscheidende aspekte (die großteils auch in den wahlmodulen nicht mehr auftauchen): z.b. wirtschafsethik, wirtschaftsphilosophie, usw.

meiner meinung nach sind gerade solche bereiche für einen volkswirt unabdingbar. man sieht ja, wohin es führt, wenn einflussreiche personen in der wirtschaft unethisch handeln (vielleicht auch, weil sie gar nicht wissen, dass ihr handeln unethisch ist).

ich weiß nicht, wie es an anderen unis aussieht, aber nach meiner einschätzung musst du dich über diese themen selbst informieren und deine interessengebiete herausbilden.
der grobe überblick wird dir gegeben und ich halte es auch für wichtig, beispielsweise die mechanismen des arbeitsmarktes zu kennen (was du in makro lernst), doch ich glaube nicht, dass das deinem anspruch genügt.

die reine theorie wirst du an einer uni vermutlich immer finden, aber an deiner stelle würde ich mir gut überlegen, "nur" vwl zu studieren. abhängig davon, wo deine sonstigen interessen liegen, könntest du es mit einem anderen studienfach kombinieren, wie sozial- oder politikwissenschaften. andererseits gibt es auch unis, die direkt studiengänge wie wirtschaftsphilosophie anbieten. wobei sich dort wieder die frage stellt, wie gut die beiden teile wirklich miteinander verknüpft sind, aber ich denke, du weißt, worauf ich hinauswill.

zu den selbstorganisierten seminaren: sowas habe ich bei uns nocht nicht bekommen, aber den großteil der zeit verbringe ich wie gesagt an einer anderen fakultät. allgemein ist das außercurriculäre angebot an vermutlich jeder uni gut. es gibt ständig veranstaltungen wie podiumsdiskussionen mit forschern und vieles mehr. das schwierige dabei ist dann aber, das zusätzlich zum studium hinzukriegen. um wirtschaft wirklich zu verstehen und sich nicht einseitig auf die formalen mechanismen einzuschießen, finde ich sokche zusätzlichen veranstaltungen aber sehr wichtig.

mein fazit: das handwerkszeug lernst du im vwl-studium, um ein verantwortungsvoller volkswirt zu werden, reicht das aber nicht aus.
ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen!

Neu ergänzt am 11.06.2014 um 21:29 Uhr